WIEVIEL THEORIE BRAUCHT DIE INFORMATIK?

Kommentar für die Computerzeitung vom 9.5.1996

Die Informatik ist eine junge Disziplin. In gewisser Weise kann man sie mit der Automobiltechnik der 20er Jahre vergleichen: Was damals die ölverschmierten Hände waren, ist heute der Frust der Anwender mit Änderungen an einer Konfiguration oder mit Fehlern in neuen Programm-Releases. Auch damals hieß es: Keine Fahrt ohne Panne. Das gegenwärtige Problem der Informatik liegt in der Qualität und Belastbarkeit der von ihr angebotenen allgemeinen Modellgenerierungsmethodik. Bis jetzt ist sie nicht in der Lage, klare Bedingungen für das einwandfreie Funktionieren der gebauten Informatiksysteme auch nur zu formulieren, geschweige denn zu realisieren. Die Selbstsicherheit, die die heutige Informatik an den Tag legt, steht dazu im Widerspruch. Zudem ist diese Ingenieursdisziplin gewissermaßen 'heimatlos': Für sie gibt es nicht wie für andere Ingenieurwissenschaften, z.B. Maschinenbau oder Elektrotechnik, eine naturwissenschaftliche Grundlagenwissenschaft wie die Mechanik oder die Elektrizitätslehre, die ihr bei der Software-Konstruktion zur Seite steht. Die Informatik muß alles selber machen.

Es gibt jedoch gute Argumente, die Softwaretechnik als Ingenieurwissenschaft in der Physik zu verankern. Nicht in einer bereits bestehenden Teildisziplin, versteht sich, sondern in einer neuen Abteilung, die sich mit den Software-Grundlagen und mit den naturwissenschaftlichen Aspekten von Sprache und Organisation befaßt. Denn das eigentlich Neue am Computer, das seinen revolutionären Erfolg beschert hat, liegt in Worten oder genauer: in Namen. Schon die ersten Programme bedienten sich der Benennung durch indirekte Adressierung. Der Mechanismus kehrt seitdem in vielerlei Gestalt wieder, auch z.B. in den Hyperlinks einer HTML-Seite. Vor dem Computerzeitalter gab es keine Maschinen, die zu dieser Symbolverarbeitungsleistung fähig waren. Die nun begonnene Umwälzung für unsere Werkzeuge ist vergleichbar dem Übergang vom Tier zum Menschen in der biologischen Evolution: Die Werkzeuge lernen Sprache und Organisation.

Die Physik kann sich hier nicht aus der Verantwortung stehlen. Sie muß ihren Beitrag zu einer systematischen Konsolidierung der Informatik leisten. Denn schließlich handelt es sich ja bei der Art Sprache, die im Computer vor sich geht, um ein physikalisches Phänomen, das nicht abstrakter ist als etwa das Phänomen der Wärme auch. Es muß ein Ende damit haben, daß sowohl die offizielle Informatik, als auch die Physik mit betretenem Schweigen reagieren, wenn dieses Thema zur Sprache kommt.

Mathematik ist bei dem Konsolidierungsprozeß unverzichtbar. Von allen Natur- und Ingenieurwissenschaften werden zeit- und körperlose mathematische Strukturen und die zugehörigen Methoden als Modelle gebraucht, sei es um zu erklären oder um zu konstruieren. Mit gutem theoretischem Wissen kann eine lebenswerte Welt weit besser aufgebaut und erhalten werden, als dies bei einer Vernachlässigung von Theorie möglich wäre.

Wolfgang Hinderer